Gemeindefest in St. Erich
Gemeinsam feiern verbindet
Nacht der Kirchen
Klang und Licht im sakralen Raum
Ertkommunion 2010/11
Anmeldegespräche im September
20.10.2009
Liebe Gemeindemitglieder, lieber Besucher!
Bei Führungen in unserem St. Marien-Dom werde ich jetzt nach der geglückten Renovierung auch auf die Kirchenfenster angesprochen, die der Künstler Johannes Schreiter im Rahmen der „neuen Glasbildkunst“ in den Jahren 1962 – 1964 schuf. Dazu schrieb die Künstlerin + Tatjana Ahlers-Hestermann im Juni 1965 in „FÜR DICH“ (Nachrichten aus St. Marien) eine Verstehenshilfe, die ich Ihnen mit freundlichen Grüßen weitergebe,
Ihr Georg von Oppenkowski, Dompfarrer
„Glasfenster zum Meditieren
Zunächst mag der Betrachter staunen über die neuen Fenster der St. Marienkirche, denn sie sind anders, als er es im allgemeinen von Glasfenstern gewohnt ist. Eine Zeitlang wird es dauern, bis er sich klar geworden ist, woran das liegt. Farbig sind alle 11 Fenster aus den gleichen Elementen zusammengefügt: vom Weiß über verschiedene Grautöne zum Schwarz und dazu – nur sparsam eingesprengt – leuchtendes Gelb und dunkles, aber klares Blau. Doch sind in jedem Fenster die Hell-Dunkelwerte ganz und gar anders verteilt. Es ist hier wie in der Musik: ein Thema wird variiert, die Grundmelodie erscheint in immer neuen Formen. Das gleiche können wir bei den Bewegungen der Linien beobachten: überall stoßen sie von oben nach unten, oder von unten hinauf, aber jedes Mal liegen die Schwerpunkte anders.
Variationen – Verwandlungen eines Grundthemas – wenn wir das mit unseren Gedanken nachvollziehen, werden daraus Meditationen. Nehmen wir uns die Texte zu Hilfe, die der Künstler Johannes Schreiter aus dem Zyklus zu Grunde legte:
Isaias 24, 18-20
Wer vor dem Grauen flieht, fällt in die Grube.
Wer aus der Grube heraufkommt, fängt sich im Garn.
Denn die Schleusen der Höhe sind aufgetan.
Es zittern die Grundfesten der Erde.
Die Erde zerbirst, zerkracht … Die Erde zerreißt, zerklafft …
Die Erde schwankt hin, schwankt her …
Wie ein Trunkener taumelt die Erde.
Wie eine Hängematte schwankt sie hin und her.
Schwer lastet auf ihr ihr Vergehen.
Sie fällt hin und erhebt sich nicht wieder.
Isaias 51, 6
Hebt eure Augen zum Himmel empor!
Blickt auf die Erde unten!
Denn wie Rauch wird der Himmel zergehen.
Wie ein Kleid wird die Erde zerfallen.
Wie Mücken sterben ihre Bewohner.
Meine Hilfe aber wird ewig bestehen.
Mein Heil hat niemals ein Ende.
Isaias 54, 10
Mögen weichen die Berge und wanken die Hügel,
so soll doch meine Liebe nicht weichen von dir,
mein Heilsbund nicht wanken, spricht dein
Erbarmer, der Herr.
Es geht also um die Visionen der Endzeit. Himmel und Erde werden vergehen, aber die Gnade Gottes wird bleiben. Nun verstehen wir die zerbrechenden Formen, das Auseinanderbersten und ebenso die grauen Farben des Gesteins, der Wolken. Eine Welt, aus der das Leben schon entschwand. Bei manchem werden Erinnerungen auftauchen an Katastrophen … Aber in allen Fenstern ist auch das Licht da und das außerirdische Blau und diese beiden Farben bannen das bedrohende Chaos. Überhaupt, bei aller Dynamik der Linienführung, dem kühnen Wechsel kleiner Formen mit größeren Flächen: keines der Fenster wirkt unruhig. Die dramatische Bewegung spielt sich im Mittelteil ab, zu den Rändern hin schwingt sie aus. So ist jedes Fenster wirklich eine „Meditationstafel“, in sich abgeschlossen, kein zufälliger Ausschnitt.“
(Aus: „FÜR DICH“ – Nachrichten aus St. Marien – Juni 1965
von + Tatjana Ahlers-Hestermann)